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Wie Pharmakonzerne gegen die E-Zigarette vorgehen

Der Arzneihersteller Pfizer unterstützte das „Aktionsbündnis Nichtrauchen“ mit einer geheimen Spende. Dahinter steckt der Kampf um einen milliardenschweren Markt. Von Manfred Dworschak

Das Aktionsbündnis Nichtrauchen trägt die noblen Absichten schon im Namen: Die vereinigten Kämpfer gegen die Tabaksucht, das müssen ja wohl die Guten sein. 15 Institutionen gehören zu dem Verein, darunter die Bundesärztekammer, das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg und wichtige Fachgesellschaften der Herz- und Lungenärzte.

Alle haben unbestritten ihre Verdienste. Die Vorsitzende des Aktionsbündnisses, Martina Pötschke-Langer, stieg in Jahren zäher Kämpfe zur führenden Aktivistin gegen das Rauchen auf. Zuletzt ging die Ärztin aber auch, mit befremdlichem Furor, gegen die weit weniger schädliche E-Zigarette vor.

Nun stellt sich heraus: Das Aktionsbündnis Nichtrauchen, kurz ABNR, hat schon vor dieser Zeit heimlich Geld von der Pharmaindustrie angenommen – und seitdem setzt es sich für deren Interessen ein.

Im Jahr 2005 ging eine Großspende des US-Konzerns Pfizer ein: 180.000 Euro, gedacht für den Aufbau eines Lobbybüros in Berlin. Das belegen interne Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen.

Die Spende wurde nirgendwo öffentlich ausgewiesen. Sie taucht nur in einer internen Jahresbilanz auf, ohne Angabe der Herkunft. Aber die Empfänger wussten Bescheid: „Diese Projektmittel wurden von den damaligen Mitgliedern des ABNR gebilligt“, schreibt der Toxikologe Friedrich Wiebel, seinerzeit dessen Sprecher, auf Anfrage des SPIEGEL. In einer Stellungnahme des Aktionsbündnisses heißt es, man habe aber 2005 und auch danach „die Annahme von Pharmageldern sehr kontrovers diskutiert“.

Dass die Spende nie publik gemacht wurde, ist leicht nachvollziehbar. Das Aktionsbündnis setzte mit der Annahme einer solchen Summe seinen Ruf aufs Spiel. Es ist noch nicht lange her, dass Mediziner und Gesundheitsforscher sich schon einmal empfänglich für Unternehmensspenden zeigten – damals kam das Geld von der Tabakindustrie.

Die Pharmaindustrie verfolgt natürlich ebenfalls ihre Interessen. Sie verkauft allerhand nikotinhaltige Produkte, die Rauchern beim Ausstieg aus der Sucht helfen sollen: Pflaster, Kaugummis und Sprays, bekannt unter Markennamen wie Nicorette oder Nicotinell. Neben Pfizer waren 2005 auch noch Konzerne wie GlaxoSmithKline oder Novartis an dem Geschäft beteiligt. Der weltweite Umsatz mit dem Nikotinersatz liegt geschätzt bei knapp zweieinhalb Milliarden Dollar.

Richtig gut verkauft sich inzwischen ein Medikament namens Champix, das direkt gegen die Nikotinsucht wirken soll. Der Hersteller Pfizer setzt damit bereits über eine Milliarde Dollar im Jahr um – mehr als mit Viagra.

Darf sich ein unabhängiges Aktionsbündnis von so einem Konzern ein Lobbybüro bezahlen lassen? Die Empfänger verbuchten das wohl eher als Sünde der lässlichen Art. Denn die Spende von Pfizer ist nur eine Episode in der langen Geschichte einer gedeihlichen Kooperation.

Anfangs ging es nur um die erwähnten Nikotinersatzprodukte. Die Hersteller hatten da ein klares Ziel: Die Krankenkassen sollten die Kosten der Pflaster und Kaugummis übernehmen. Auch das Aktionsbündnis warb – und wirbt – unermüdlich dafür. Dennoch ließ sich die Kostenerstattung bislang nicht durchsetzen. In Deutschland zählen diese Ausstiegshelfer zu den „Lifestyle-Produkten“, die jeder selbst bezahlen muss – wie Appetitzügler oder Haarwuchsmittel.

In den vergangenen Jahren aber geriet das Geschäft der Pharmakonzerne von ganz anderer Seite unter Druck. Spätestens ab 2013 zeichnete sich der Aufstieg der E-Zigarette ab. Seither haben Raucher, die der Tabaksucht entkommen wollen, neue Hilfsmittel zur Hand: kleine Geräte, die aromatisierte Flüssigkeiten („Liquids“) verdampfen, meist versetzt mit Nikotin.

Der Konsument zieht da an einem Röhrchen und bläst Wolken aus – alles wie bei der Tabakzigarette, nur bei Weitem nicht so gefährlich für Leben und Gesundheit. Denn in den Dampfgeräten wird nichts verbrannt. So entstehen auch nicht all die krebserregenden Stoffe, die sich im Tabakrauch finden.

Auch Dampfer, keine Frage, inhalieren nicht die reine Luft eines Kurorts – zumal wenn sie dabei eine Nikotindosis vergleichbar dem Tabakrauchen aufnehmen. Dennoch ist die E-Zigarette um etwa 95 Prozent weniger schädlich. Auf diesen Schätzwert kam die britische Gesundheitsbehörde „Public Health England“. Eine Forschergruppe um den amerikanischen Gesundheitsökonomen David Levy hat errechnet, was geschähe, wenn sich alle Raucher in den USA zum Dampfen bekehrten. Ihr Befund: Binnen zehn Jahren könnten bis zu 6,6 Millionen vorzeitige Todesfälle vermieden werden.

Kein Wunder also, dass der Umsatz der Dampfprodukte stetig ansteigt – nach letztem Stand allein im Jahr 2017 weltweit um mehr als 50 Prozent. Und wo mehr gedampft wird, leidet das Geschäft mit dem Nikotinersatz.

In Deutschland ist die E-Zigarette inzwischen das meistgenutzte Hilfsmittel bei der Tabakentwöhnung. Neun Prozent der Ausstiegswilligen versuchten es damit, nur sieben Prozent griffen zu den Angeboten der Pharmaindustrie. Das ergab die „Deutsche Befragung zum Rauchverhalten“.

Obendrein hilft das Dampfen, wie sich jetzt zeigt, fast doppelt so gut beim Ausstieg aus dem Tabakkonsum. Eine britische Studie unter Leitung des Suchtforschers Peter Hajek konnte das belegen. 886 Raucher, die aufhören wollten, wurden dafür nach dem Zufallsprinzip auf zwei Gruppen verteilt. Die eine Hälfte bekam E-Zigaretten, die andere herkömmliche

Nikotinersatzprodukte. Nach einem Jahr hatten sich 18 Prozent der Dampfer das Tabakrauchen vollständig abgewöhnt, bei der Vergleichsgruppe waren es nur 9,9 Prozent.

„Dieser Befund hat ziemlich eingeschlagen“, sagt Heino Stöver, Leiter des Instituts für Suchtforschung Frankfurt am Main. „Hajeks Studie ist methodisch einwandfrei, unter Experten gilt sie als Meilenstein.“

Viele Entwöhnte brauchen zwar weiterhin das Nikotin, das sie nun über den Dampf inhalieren – aber sie sterben nicht mehr an ihrer Sucht. Dem puren Nikotin fehlt zudem die suchtsteigernde Wirkung das Tabakrauchs; in seiner Wirkung ist es eher dem Koffein ähnlich, von dem man ebenfalls abhängig werden kann.

Das „Aktionsbündnis Nichtrauchen“ jedoch zieht aus der erfreulichen Befundlage einen eigenartigen Schluss: Es redet weiterhin, wie seit Jahren, die E-Zigarette schlecht.

Das Dampfzeug müsse genauso streng reguliert werden wie die Tabakwaren – so steht es in einem aktuellen Positionspapier. Auch für höhere Steuern sprach sich das ABNR mehrfach aus.

Noch vor wenigen Jahren kämpfte das Bündnis zudem für die Einstufung von Dampfgeräten und Liquids als Arzneimittel. Damit wäre die neue Technik sofort erledigt gewesen. Zwar haben sich inzwischen auch Tabakkonzerne in die für sie bedrohliche Konkurrenz eingekauft, doch besteht der Markt noch heute vorwiegend aus einer Vielzahl kleinerer Hersteller, die sich ein teures Zulassungsverfahren nicht leisten könnten.

Fast hat es den Anschein, als agiere da ein Aktionsbündnis zur Dämonisierung des Dampfens. „Die Kampagne gegen die E-Zigarette ist die größte seit Gründung des ABNR“, sagt der Berliner Gesundheitswissenschaftler Dietmar Jazbinsek, der die Organisation gut kennt; er war oft als Experte auf Versammlungen geladen.

Derzeit fordert das Aktionsbündnis ein vollständiges Werbeverbot für die E-Zigarette. Darüber lässt sich diskutieren – doch die Begründung ist fragwürdig: Das Dampfen, heißt es, verderbe die Jugend, es sei eine Einstiegsdroge fürs Rauchen.

„Dafür gibt es keinen Beleg“, sagt der Frankfurter Suchtforscher Stöver. Auch er findet jedoch, wie fast alle Fachleute, dass E-Zigaretten nicht in die Hände von Minderjährigen gehören.

Nachhaltiges Interesse am Dampfen zeigt aber ohnehin nur eine winzige Minderheit. Nach den letzten Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung haben 2016 nur 0,4 Prozent der Jugendlichen täglich eine E-Zigarette gedampft – und viele von ihnen sind vorher schon Tabakraucher gewesen. Die Zahl dürfte seither noch gesunken sein, weil der Verkauf von E-Zigaretten an Jugendliche seit April 2016 verboten ist.

Auch für Erwachsene gilt: Fast alle regelmäßigen Dampfer haben vorher geraucht. Sie nutzen die Alternative, um vom Tabak loszukommen oder den Konsum wenigstens einzuschränken. „Für Menschen, die es anders nicht schaffen, kann das eine große Hilfe sein“, sagt Heino Stöver. „Viele Pfeile haben wir da ohnehin nicht im Köcher.“

In der Öffentlichkeit hat sich ein anderes Bild durchgesetzt. Das zeigte zuletzt eine Umfrage des Münchner Instituts für Therapieforschung: 55 Prozent der Deutschen halten das Dampfen für mindestens ebenso schädlich wie das Tabakrauchen – in grober Verkennung der Fakten. Dass es so weit kam, dürfte im Wesentlichen das Verdienst des Aktionsbündnisses und seiner Vorsitzenden Pötschke-Langer sein.

Eines aber empfiehlt das ABNR bis heute mit Nachdruck: den Ausstieg mithilfe einer Therapie – und den Medikamenten der Pharmaindustrie. Ist es Zufall, dass die Interessen sich so harmonisch fügten?

Als die Großspende von Pfizer einging, hatte die Zusammenarbeit bereits begonnen. Ein ständiger Vertreter des Pharmakonzerns saß damals sogar im „Steuerungsgremium“ des Aktionsbündnisses. Das ist der engste Kreis, da werden Gesetzesinitiativen beraten, Strategien ausgeheckt und Kontakte in die Politik angebahnt. Der Mann von Pfizer bekam also eine Menge mit.

Sein Job war es, den Verkauf der Nicorette anzukurbeln. Als 2006 der Konkurrent Johnson & Johnson diesen Geschäftsbereich übernahm, wechselte auch der Vertreter zum neuen Arbeitgeber. Dem Aktionsbündnis blieb er weiterhin eng verbunden. Bis zu seinem Ausscheiden 2013 erschien sein Name auf internen Verteilern.

Dieser arglose Umgang mit der Industrie war über die Jahre bestimmend im ABNR. Die gleiche Kultur der Lässigkeit herrscht bis heute in weiten Teilen des Medizinbetriebs – und sie erstreckt sich auf Zuwendungen aller Art.

Für die Pharmakonzerne gehört die Landschaftspflege in Expertenkreisen zum Alltagsgeschäft: hier ein Zuschuss für einen Kongress, dort ein Vortragshonorar oder mal eben die Kosten für eine Reise. Die Beträge sind nicht immer spektakulär, aber es läppert sich. Forscher, die sonst für jeden Euro Antragsformulare ausfüllen müssen, freuen sich auch über kleine Summen, die ihnen umstandslos zufließen.

Das Aktionsbündnis Nichtrauchen teilt auf Anfrage mit, seine kritische Haltung zur E-Zigarette sei ausschließlich wissenschaftlich begründet. Es nehme außerdem seit 2009 keine Spenden von der Pharmaindustrie mehr entgegen.

Einige angeschlossene Institutionen tun das aber nach wie vor mit großer Selbstverständlichkeit. Im vergangenen Jahr strichen ABNR-Mitglieder allein von Pfizer und GlaxoSmithKline (GSK) weit über 300.000 Euro ein.

Beispiel: die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Der Pharmariese GSK weist 185 965 Euro als Zuwendung für ihren letztjährigen Kongress aus; das Geld ging an die Agentur, die ihn organisiert hat. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie wiederum, ebenfalls Mitglied im Aktionsbündnis, bekam 2018 von Pfizer

104 050 Euro spendiert, darunter 84 200 Euro für ihren Jahreskongress. Und siehe da: Kürzlich erst zweifelte sie in einer Pressemeldung wieder den Nutzen der E-Zigarette zur Rauchentwöhnung an. Beide Gesellschaften bestreiten jeglichen Einfluss der Zuwendungen auf ihre Arbeit.

Einen geradezu spektakulären Erfolg konnte Pfizer unlängst in den USA verbuchen. Der Leiter der Arzneimittelbehörde FDA, Scott Gottlieb, warf sich nach seinem Amtsantritt im Mai 2017 zu einem entschiedenen Gegner des Dampfens auf; er warnte vor einer regelrechten „Epidemie“ der Nikotinsucht unter Jugendlichen.

Im April trat FDA-Chef Gottlieb plötzlich von seinem Posten zurück – im Juni wechselte er in den Vorstand von Pfizer.

Seltsame Seitenwechsel gab es auch hierzulande: Im Mai 2017 rückte Stefanie Seltmann, eine Vertraute von ABNR-Chefin Pötschke-Langer, zum „Director External Communications“ in der Deutschland-Zentrale von Pfizer auf. Zuvor hatte Seltmann jahrelang die Pressestelle des Deutschen Krebsforschungszentrums geleitet.

Man solle das Aktionsbündnis Nichtrauchen nicht pauschal verdammen, meint der Berliner Experte Jazbinsek, im Gesundheitsschutz vertrete die Organisation durchaus vernünftige Positionen. „Bei der E-Zigarette aber“, so sein Urteil, „hat man sich verrannt.“

Mag sein, dass da auch das Trauma eines unvergessenen Sündenfalls nachwirkt. „Einige Mitglieder wie die Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin haben früher auf höchster Ebene engste Kontakte zur Tabakindustrie gepflegt und die Gefahren des Rauchens verharmlost“, sagt Jazbinsek. „Die geben sich heute besonders kritisch und tun so, als wären E-Zigaretten unheimlich gefährlich.“

Dumm nur, dass zum Beweis der Läuterung nun ausgerechnet die beste Ausstiegshilfe für Raucher verteufelt wird.

 

Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 35/2019.

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